Kommt euch das Bild bekannt vor? Thomas hat vor ein paar Wochen schon darüber berichtet.Ich gehe heute ins Theater. Was hat das mit dieser Lektüre zu tun? Folgendes: Die Karten sollten bis Montag (zwei Werktage vorher) abgeholt werden, und da sie Teil unseres "Volkstheater in den Außenbezirken"-Abos sind, brauchte ich dazu unsere Abokarten. Die habe ich aber am Montag in der Früh nicht eingesteckt und somit bin ich von der Schule heimgefahren, von zuhause zum Volkstheater und zurück -- jede Strecke dauert ca. 45-50 min. Also habe ich das Ganze positiv gesehen und die Zeit genutzt um Der Trafikant weiterzulesen. Nachdem ich dann gestern auch noch eine zweistündige Schularbeit beaufsichtigt habe, war das Buch innerhalb von zwei Tagen ausgelesen.
Das Buch hat mir eine ehemalige Kollegin aus der Buchhandlung geschenkt, als ich mal vorbeigekommen bin und es mir von ihr hab empfehlen lassen. Ich finde, sie hat mich da auch ganz gut beraten, die Geschichte ist durchaus fesselnd, weil sie in Wien 1937/38 spielt und die Hauptfigur Siegmund Freud kennen lernt. Nun muss ich gestehen, dass ich kein Fan von Freud bin, vor allem wegen seiner Meinung über Frauen, aber in diesem Roman wurde er sehr menschlich und durchaus sympatisch dargestellt, mit kurzen Passagen, die sogar aus seiner Sicht erzählt werden.
Außerdem ist Seethaler sprachlich auch gut unterwegs. Es gab einige sehr einprägsame Zitate, etwa Freuds Resümee: "'Jaja', seufzte Freud, 'an den Klippen zum Weiblichen zerschellen selbst die Besten von uns!'" Beeindruckt hat mich während des Lesens aber ein sich über mehrere Zeilen erstreckender Satz, der trotz seiner Länge unglaublich gut fließt und die Szene ganz fabelhaft illustriert. Die Hauptfigur bittet seinen Lehrherren mit einer fadenscheinigen Ausrede, ihn früher aus dem Dienst gehen zu lassen. Reaktion des Trafikanten: "Der Trafikant schraubte seine Füllfeder zu, steckte sie sorgfältig in sein über die Jahre ein bisschen speckig gewordenes Lederetui, beugte sich über das soeben mit einer Reihe dringend benötigten Bestellungen vollgeschriebene Papier, blies sachte die Tintenschrift trocken, blickte dann über den Brillenrand hinweg auf seinen immer noch unverändert breitbeinig vor ihm plazierten Lehrling und entließ ihn für den Rest des Tages mit den von einem schweren Seufzer angeschobenen Worten: 'Na dann schleichst dich jetzt halt meinetwegen.'"
Wirklich spannend fand ich aber, dass auf der letzten Seite ein datiertes Schriftstück vorkommt, dass sozusagen am letzten Tag der Handlung verfasst wird. Das Datum ist der 7. Juni 1938 und ich habe es gestern, am 7. Juni 2016, fertiggelesen. Übrigens gibt es noch eine Theaterverknüpfung, die ich bisher verschwiegen habe: In der kommenden Saison ist Der Trafikant eines der Stücke, dass ich und meine Familie im Rahmen unseres Abos sehen werden. Allerdings sehen wir es nicht am 7. Juni. Das wäre aber auch unheimlich.
Sarah L.
Buch 14 von 41
Ein Drittel geschafft! ... Aber nur noch das halbe Jahr übrig?
P.S.: Ihr jubelt über die Macht der Presse -- graut euch nie vor ihrer Tyrannei? -- Marie von Ebner-Eschenbach
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